Essenzen aus meinem Interview mit Dr. Christoph Schwitzer

Die Quelle dieser Essenzen ist ein Skype-Interview mit dem Primatologen Dr. Christoph Schwitzer vom 8.1.2016. Das vollständige Interview kann man an dieser Stelle nachlesen: Interview mit dem Primatlogen Dr. Christoph Schwitzer.

Forschung
Dr. Christoph Schwitzer definiert Forschen als »systematische Aufnahme von Daten zu einem bestimmten Thema mit dem Endziel mehr über dieses bestimmte Thema zu wissen.«
Des Weiteren ist es zum einen sehr wichtig, seine Ergebnisse öffentlich zugänglich zu machen. Zum anderen, dass die Forschung wirklich systematisch abläuft. Die Methode muss exakt erklärbar sein, so dass jeder mit den gleichen Voraussetzungen das gleiche oder ein zumindest sehr ähnliches Ergebnis erhält.

Forschung als Grundlage weiterer Forschung

Vergangene Forschungsprojekte dienen als Grundlage für kommende Forschungsprojekte. So beschreibt mir der Primatologe, wie sich Forschungsfragen teilweise über Jahrzehnte evolvieren bis dann »irgendwer auf den Trichter kommt« und die Fragestellung lösen kann. Da die Forschungen aufeinander aufbauen ist es umso wichtiger exakt zu dokumentieren, mögliche Fehlerquellen zu nennen, sowie Empfehlungen für weitere Forschungen auszusprechen.

Die Dokumentation und der Umgang mit Fehlerquellen
Die Dokumentation ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Forschung. Zum einen sollten – wie oben erwähnt – Methoden so genau dokumentiert sein, dass immer die gleichen/ähnlichen Ergebnisse zu Stande kommen und dass auf vorangegangene Forschung stetig aufgebaut werden kann. So können andere Labore beispielsweise auch einzelne Komponenten austauschen und dennoch verlässliche Vergleiche treffen.

Zum Anderen ist die Dokumentation und das Offenlegen von möglichen Fehlerquellen ein wesentlicher Teil. Fehler und Fehlerquellen gehören zwar zur Forschung dazu, sollten aber genannt und gut dokumentiert werden. Wenn in einem besonders warmen Dezember Früchte zur Analyse gesammelt werden, kann das eine mögliche Fehlerquelle sein. Bei genauer Dokumentation weiß man, dass dieser Dezember möglicherweise – je nach Gebiet – nicht besonders repräsentativ ist.

Die Limitierung der eigenen Arbeit
Diese Auseinandersetzung mit Fehlerquellen, setzt den kritischen Umgang mit der eigenen Arbeit voraus. Man sollte lernen sich selbst und seine Arbeit zu hinterfragen und vor allem verstehen, wo die Limitierung der eigenen Arbeit ist.

Verschiedene Ansätze je nach Disziplin
Eine weitere spannende Erkenntnis ist, dass die Ansätze je nach Disziplin unterschiedlich sind und eine Hypothese keine zwingende Voraussetzung der Forschung ist. Während z. B. in der Biologie nach gründlicher wochen-, monate- oder jahrelanger theoretischer Recherche eine Hypothese sowie Erwartungen aufgestellt werden, kann es in anderen Disziplinen freiere Ansätze geben. In der Physik kommt es z. B. vor, dass ohne Hypothese »gebastelt«, getestet, verworfen und neu gebastelt wird. In der Anthropologie und Ethnologie gibt es laut Dr. Christoph Schwitzer andere Vorgehensweisen, die noch freier sind. Ein Ansatz könnte hier beispielsweise sein, in einem fremden Land in einem Dorf zu leben und dann »mal zu schauen«, was interessant sein könnte. Dieser Ansatz wird stellenweise – wohl auch leicht zynisch – »flappy approach« genannt.

Wesentlich ist, dass sich – wenn aufgestellt – sowohl die Hypothese als auch die Erwartungen, u.a. auch als Schutzmechanismus vor subjektiver Interpretation der Daten, nicht verändern. Sie können höchstens bestätigt oder widerlegt werden. Die Fragestellung wird im nächsten Schritt operationalisiert. Das heißt: Man überlegt, was zur Beantwortung der Frage benötigt wird. Beispielsweise muss man – um das herauszufinden – an den Ort XYZ gehen und dort Proben nehmen, das Verhalten anschauen und so weiter.

Das besonders Interessante bei den verschiedenen Ansätzen ist für mich die überraschende Parallele zwischen den Disziplinen Physik und Kommunikationsdesign. Beide haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Dennoch erinnert mich der forschende Prozess aus der Physik an einen Gestaltungsprozess, bei dem auch ein ständiger Kreislauf aus »basteln«, testen, vergleichen, verwerfen und verbessern die Arbeit bestimmt.

Vergleich als Methode
Auch in der Biologie/Primatologie ist der Vergleich eine bedeutende Methode. Man vergleicht Tiere untereinander im Zoo, oder die Tiere im Zoo mit der gesamten Zoopopulation. Man vergleicht Zoopopulationen mit Freilandpopulationen und man vergleicht zwischen dem was vorne an Futter rein kommt mit dem was hinten wieder raus kommt. Auf diese Art kann man Unterschiede oder Gemeinsamkeiten gut erkennen und analysieren.

Zwischen Spezialisierung und Weitblick
Dr. Christoph Schwitzer erklärt mir, wie wichtig es ist zu verstehen, wie das ganze System funktioniert. Nur so versteht man, wieso ein Teil davon nicht mehr funktioniert. Das kann z. B. im Artenschutz sehr hilfreich sein. Eine einfache Lösung für das Aussterben von Tieren kann die Schuld des Menschen sein. Manchmal sind die Gründe jedoch nicht so offensichtlich. Hier muss das gesamte System, das Habitat, verstanden werden, um die Art tatsächlich schützen zu können. So kann es auch an veränderten Witterungsverhältnissen, Pflanzenarten oder viel komplexeren Problemen liegen.

Auch im Kommunikationsdesign und seinen Unterdisziplinen ist das interdisziplinäre Arbeiten aus meiner Sicht grundlegend. Für die Forschung ist ein fundiertes Wissen auf dem eigenen Gebiet sicher eine Grundvoraussetzung. Doch ohne Weitblick versteht man nur einen kleinen Teil und hat keinen Einblick in ein komplexes und interdisziplinäres System. Da die Prozesse immer komplexer und spezialisierter werden, wird es meiner Meinung nach immer schwieriger als einzelner selbstständig zu arbeiten. Während vor einigen Jahren vieles wohl nicht ganz so komplex war, gilt es heute sich in Netzwerke/Kollektive oder generell in Unternehmen zu organisieren, um ganzheitlich gut arbeiten zu können. Einer allein kann – wenn dann nur sehr selten – kein Spezialist für beispielsweise Konzeption, Webdesign, Webprogrammierung, SEO-Optimierung, kleine animierte, aber hochkomplexe SVGs und noch zehn andere Kompetenzen sein. Dennoch ist ein ganzheitlicher Blick bedeutend für reibungslose Workflows.

Recherche und die richtige Auswahl
Heutzutage wird es nach Dr. Christoph auch immer wichtiger, die richtige Auswahl an Recherchematerial zu treffen. Während man früher von Bibliothek zu Bibliothek fahren musste, gibt es nun vieles sofort online abrufbar. Um sich nicht endlos im Materialdschungel zu verlieren, sollte man sich deutlich einschränken und gut auswählen, was wichtig und relevant ist.

Und zum Schluss: Leidenschaft
In der Forschung gibt es häufig Durststrecken zu überbrücken. Deshalb: Themen wählen, die einem am Herzen liegen!